Pfiffikus auf dem Wickeltisch

Säuglinge sind geistig schon unerwartet kompetent

Säuglinge wirken auf den ersten Blick so unbeholfen, als sei ihr Geist noch völlig leer und müsse erst mit grundlegenden Daten gefüttert werden. Doch systematische Studien haben dieses schiefe Bild in der jüngsten Vergangenheit zurechtgerückt. Der Mensch kommt mit überraschend viel "Köpfchen" und mit überraschend aufnahmefähigen Sinnen auf die Welt.

Weil Babys in der ersten Zeit intensive Pflege brauchen, glaubten Fachleute lange, daß der Mensch als "unbeschriebenes Blatt" geboren wird und mühselig mit dem nötigen Know-how für das Leben gefüllt werden muß. Seit einigen Jahren überschlagen sich nun die Verhaltensstudien, die beweisen, daß schon Babys geistig sehr rege sind. Selbst die Sinneskanäle sind aufnahmefähiger, als die Lehrbücher früher schrieben.

Gleich nach der Geburt verfügt der Säugling über eine ausgeprägte Sehfähigkeit. Die größte Schärfe erzielt er auf 20 Zentimeter Distanz. Das ist genau die Entfernung, die Eltern intuitiv beim Blickkontakt mit dem Winzling einnehmen. Besonders ausgiebig schauen die Kleinen ovale Gegenstände beziehungsweise Gesichtsumrisse an. Schon in den ersten Lebenswochen können sie das Bild ihrer Mutter von dem einer Fremden unterscheiden. Sie saugen bei dem vertrauten Anblick vergnügt am Schnuller, während der Anblick der Fremden bereits im Alter von zwei Monaten Streßsignale auslöst.

"Das Gehör der Winzlinge verrät bei Sprachlauten seine größte Kompetenz", hebt die Psychologieprofessorin Monika Knopf von der Universität Frankfurt hervor. Säuglinge, die nur vier Tage alt sind, können bereits den Unterschied zwischen ihrer Muttersprache und anderen Sprachen erkennen, vermutlich an der Sprachmelodie. Erwachsene merken gar nicht, welche Spitzenleistung ihr Gehirn vollbringt, wenn es im rasanten Tempo die Wörter "leider" und "Leiter' auseinanderhält. Es gibt auf der Welt etwa 200 solcher Laute (Phoneme), die für sich alleine den Sinn von Wörtern ändern. Nach neuen Befunden picken Babys die Phoneme ihrer Sprache schon mit sechs Monaten aus dem, was sie hören, heraus - also lange, bevor sie die Sprache verstehen.

Die Frankfurter Psychologin stellte auch fest, daß bereits vier Monate alte Säuglinge zählen können. Ihr Gehirn ist so weit entwickelt, daß sie einfache Mengenunterschiede, etwa den zwischen zwei und drei Punkten, erkennen können: Nachdem die Knirpse längere Zeit zwei Punkte angesehen hatten, verloren sie das Interesse daran. Als die Forscherin ihnen drei Punkte darbot, wurden die Kinder wieder aufmerksam.

Babys verstehen auch intuitiv das Gesetz der Dichte, das besagt, daß ein Objekt unmöglich den Platz eines anderen einnehmen kann. In dem kritischen Experiment sahen Babys im Alter von sechs Monaten ein Spielzeugauto, das ein Gefälle hinabrollte. In der einen Version war der Weg scheinbar durch eine Kiste versperrt. Durch einen optischen Trick überwand das Auto das Hindernis unverzagt. Während die realistische Vorführung nach ein paar Wiederholungen für die Babys uninteressant wurde - sie wandten ihre Blicke gelangweilt ab -, fesselte die Trickvariante ihre Aufmerksamkeit. Sie schauten verblüfft hin.

Säuglinge reagieren überrascht, wenn ein Gegenstand, der scheinbar den Halt verliert, nicht zu Boden fällt. Doch der gleiche Vorgang läßt sie kalt, wenn sie zuvor mitbekommen, wie eine verdeckte Hand den Gegenstand von hinten festhält. Junge Babys scheinen auch zu wissen, daß bei einer Kollision das angestoßene Objekt um so weiter verschoben wird, je größer der anstoßende Gegenstand ist. Das beobachtete die Wissenschaftlerin in ihren Untersuchungen.

Auch das Gedächtnis der Säuglinge funktioniert besser, als man früher dachte. Neun Monate alte Babys, die nur für wenige Sekunden zusehen durften, was man mit Spielzeug anfangen kann, ahmten die Möglichkeiten spontan nach, als man ihnen Tage später das gleiche Spielzeug reichte.
Rolf Degen (dfd)
Westfalenpost, 10.07.1999

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